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30 September 2013 16:30 | Casa di Dante

Rede von Heinrich Mussinghoff



Heinrich Mussinghoff


Katholischer Bischof, Deutschland

Liebe Schwestern und Brüder!

Verehrte Damen und Herren!
 
"Gott liebt die Armen". Die Heilige Schrift erzählt, wie sehr Jesus Christus die Armen und Kranken, die Benachteiligten und Ausgegrenzten, die an Seele und Leib Leidenden liebt und ihnen hilft. Er sagt: "Ich aber bin unter euch wie der, der bedient" (Lk 22,27). Diese Liebe zu den Armen und dieser Dienst der Barmherzigkeit und Hilfeleistung wird uns anschaulich gemacht in der Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Jesus erzählt, wie ein Mann von Jerusalem hinunter nach Jericho ging durch das Wadi Kelt. Räuber überfielen ihn, schlugen ihn halbtot und ließen ihn am Weg liegen. Ein Priester und ein Levit gingen vorbei. Sie waren offensichtlich auf dem Weg zum Tempeldienst nach Jerusalem. Sie hatten die Sorge, dass sie sich durch das Berühren einer Leiche kultisch unrein und damit dienstunfähig machen könnten. Es ist also nicht grobe Herzlosigkeit, sondern sklavische Gesetzestreue, die sie vorbeigehen lässt und den Sinn von Religion, die Erfüllung des Doppelgebots von der Gottes- und Nächstenliebe verfehlt und aus dem Blick geraten lässt. 
Diese Geschichte erhält eine sozialkritische Facette, da es ein Fremder ist, der Barm-herzigkeit übt, ein Mann aus Samarien, ein Kaufmann und Händler wohl, jedenfalls einer, der nicht den rechten Glauben der Juden in rechter Weise teilt, so dass Juden und Samariter nicht miteinander verkehren. Seine gute Tat hat den Namen des "Samariters" ehrenvoll gemacht als eines Menschen, der Barmherzigkeit übt. Der Samariter sieht den halbtot Geschlagenen und hat Mitleid. 
Genau heißt es im Text: ihm dreht sich der Magen, die Eingeweide um; es war ihm zum Kotzen (V 33). Bis in seine Physis ist er erschüttert.
Er kümmert sich um den ausgeraubten Mann, streicht heilendes Öl und Salben auf die Wunden, gibt ihm stärkenden Wein, hebt ihn auf sein Lasttier und bringt ihn zur Herberge. Die Notversorgung ist professionell. Besser könnten wir es auch nicht machen.
Der Überfall geschah im Wadi Kelt, wo man an der alten Wasserleitung des Herodes entlang von Jericho nach Jerusalem 1000 m Höhen-unterschied überwindet, vorbei an grauen Felsen, hin und wieder sieht man Klippdachse und ein paar Schafe und Ziegen neben schwarzen Beduinenzelten, das frische Wasser lässt unten grünes Strauchwerk und blühende Blumen zu. Auf die Passhöhe führt die Maale ha Adumin, deren blutigrote Steine (Jos 15,7) schon an Überfälle denken lassen, und die Wegelagerer oberhalb des Georgsklosters erwecken keineswegs Vertrauen. Auf der Passhöhe befindet sich der Khan el-Harthur, "die Herberge des barmherzigen Samariters".
Und auf diese Herberge und ihren Wirt kommt es mir an. Denn nicht nur die gute Tat des barm-herzigen Samariters ist zu loben. Um gute Taten zu ermöglichen, gehört eine Infrastruktur hinzu, sozusagen deren Möglichkeitsbedingung. Die Institutionen der Armutsbekämpfung und der Gesundheitsvorsorge sind notwendig. Herberge und Wirt sind da. Unsere Armenküchen, Krankenhäuser und Gesundheitsstationen, unsere Hilfe für Behinderte und schlecht Ernährte sind notwendig. Der gute Samariter ist am Ende nur gut, weil Herberge und Wirt da sind und die Versorgung des Schwerkranken ermöglichen. Die Herberge übernimmt ärztliche Versorgung und Pflege. Der Wirt nimmt die beiden Denare entgegen und vertraut auf die Zusage weiterer Zahlung, falls nötig. Der Wirt ordnet die Verwaltung und Krankenkassen-gelder, Besorgung des wirtschaftlichen, medizinischen, pharmakologischen Betriebs. Christliche Sorge um arme, alte, kranke, unterernährte und behinderte Menschen ist nicht möglich ohne Bancos de Alimentos, ohne Krankenhäuser, Suppenküchen, Sozialpflege-stationen, Behinderteneinrichtungen. Nachfolge Jesu sucht die Freundschaft mit den Armen. Papst Franziskus möchte eine "arme Kirche", die "mit den Armen lebt".
Das alles aber ist am Ende gut, weil alle in der Geschichte von dem Geist bewegt sind, den Jesus lehrt. Die Frage des Gesetzeslehrers nach der Gottes- und Nächstenliebe spitzt sich zu auf die Frage, wer sich als der Nächste dessen erwiesen habe, der von den Räubern überfallen wurde, auf die Frage, wer von den Dreien - Priester, Levit oder Samariter - dem Überfallenen Nächster geworden sei.
Der Gesetzeslehrer antwortet: "Der, der barmherzig war und ihm geholfen hat". Jesus sagt ihm und uns: "Dann geh und handle genauso!" 
Darauf kommt es an: die Gottes- und Nächstenliebe zu leben in Wort und Tat. Die alte klassische Christenlehre hält es in den sieben leiblichen und geistigen Werken der Barmherzigkeit fest:
Hungrige speisen, Durstige tränken, Obdachlose beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangene aufsuchen, Tote begraben.
Zweifelnden raten, Unwissende lehren, Sünder ermahnen, Trauernde trösten, Beleidigungen verzeihen, schwierige Menschen geduldig ertragen, für Lebende und Verstorbene beten.
Es geht um eine Spiritualität der Achtsamkeit, des Helfens und der Barmherzigkeit. Wir wollen und sollen Menschen beistehen in ihren Leiden und Ängsten, die existentiell tief sitzen. Wir wollen und sollen die Würde des Menschen achten, im Leben und im Sterben, die Würde des armen, des alten, kranken und behinderten Menschen. Wir wollen und sollen die Gnade Gottes bezeugen, im Leben, im Sterben und für das, was nach diesem Leben kommt: Gottes Ewigkeit und Seligkeit, sein Reich, der neue Himmel und die neue Erde.
Die Kirchenväter haben in dem barmherzigen Samariter Christus selbst gesehen. Er schenkt uns in den Sakramenten mit Brot, Wein, Wasser und Öl sich selbst, seine Liebe und Freundschaft. Dabei zu helfen, diesen dienenden, barmherzigen Christus gegenwärtig zu setzen, sind wir gerufen. 
Uns allen gilt die Mitteilung des Apostels Paulus: "Ihr seid von Gott geliebt ... darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld ... Alles, was ihr in Worten oder Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater". (Kol 3, 12.17). Amen.


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